Funktionsstellen an hessischen Schulen immer schwerer zu besetzen?!

Arbeitsplatz Schulleitung - attraktiv?

Die Frankfurter Allgemeine hat am 29.09.2011 einen relativ guten Artikel zur Problematik “Schulleiter-/Funktionsstellenbesetzungsverfahren” veröffentlicht. Leider kam er mir erst jetzt zu Gesicht.

Das Land Hessen beklagt sich immer wieder, es sei immer schwerer, Funktionsstellen, das sind die Stellen von Schulleitern, Stelvertretenden Schulleitern, Konrektoren zur Wahrnehmung von Schulleitungsaufgaben usw., zu besetzen. Hier aus meiner Sicht ein paar Gründe, warum viele Lehrerinnen und Lehrer nicht bereit sind, sich um solche Funktionsstellen zu bewerben:

  1. Die Besetzungsverfahren sind vollkommen intransparent. Formal wird eine Stelle öffentlich ausgeschrieben. Jede Lehrerin und jeder Lehrer kann sich darauf bewerben und offiziell wird dann der beste Kandidat ausgewählt. Man kann das Verfahren auch gerichtlich überprüfen lassen. Jedoch weiß man nur zu genau, dass die Stellen oft schon vor der Ausschreibung “vergeben” sind. Die Stellen werden exakt auf einen Bewerber zugeschnitten und entsprechend ausgeschrieben. So haben andere Bewerberinnen und Bewerber kaum Chancen, diese Stelle zu erhalten. Sie sind nur Statisten in einem Verfahren, das aus vielerlei Gründen (Parteizugehörigkeit, Kandidat ist Versorgungsfall, Sympathie usw.) nicht wirklich ergebnisoffen ist. Angesichts eines nicht sehr angenehmen Bewerbungs- und Auswahlverfahrens scheuen Interessierte eine Bewerbung.
  2. Kommt es dann vor, dass tatsächlich einmal ein Kandidat sich durchzusetzen scheint, der nicht gewollt ist, dann kann das Besetzungsverfahren jederzeit gestoppt und die Stelle erneut ausgeschrieben werden – dann natürlich ergänzt mit Kriterien, die die unerwünschte Bewerberin / den unerwünschten Bewerber aus dem Verfahren kicken.
  3. Der Mehrverdienst eines Funktionsstelleninhabers ist im Vergleich zur Mehrarbeit und dem Mehr an Verantwortung gering. Einfaches Beispiel: Ein Schulleiter an einer Haupt- und Realschule mittlerer Größe verdient brutto gerade einmal 300 Euro mehr als eine Lehrerin / ein Lehrer an seiner Schule. Netto bleiben davon vielleicht 150 Euro übrig. Während die Lehrerinnen und Lehrer an der Schule die kompletten Schulferien in einem Stück genießen dürfen, hat die Schulleiterin / der Schulleiter zusammen mit seinen Kollegen aus der Schulleitung für Ferienpräsenz zu sorgen, schließlich gehen die “Geschäfte” der Schule auch in den Ferien weiter.
    Der Arbeitstag einer Lehrerin oder eines Lehrers ist während der Schulzeit sehr lange. Neben den 26 und mehr Stunden Unterrichtsverpflichtung kommen noch einmal gut und gerne bis zu 26 Stunden für Vorbereitungen, Sprechstunden, Elternabende, Gesamtkonferenzen, Fachkonferenzen, Personalversammlungen, Fortbildungen, Klassenkonferenzen, Dienstbesprechungen, Prüfungen, Korrekturen… zusammen. Darüber will ich nicht jammern, schließlich haben Lehrerinnen und Lehrer zum Ausgleich die Ferien. Ein Schulleiter jedoch hat erfahrungsgemäß einen Arbeitstag, der deutlich länger ist. Er beginnt lange vor dem Unterrichtsbeginn und endet lange nach Unterrichtsschluss.
    Ein Vergleich zwischen der Bezahlung einer schulischen Führungskraft mit der Bezahlung einer vergleichbaren Führungskraft in der freien Wirtschaft lohnt sich! Ich habe einem Freund, der in einer vergleichbaren Position in der freien Wirtschaft tätig ist, einmal vorgeschlagen, in die Schule zu wechseln. Als er hörte, was man dann dort verdient, hat er erst herzlich gelacht und dann dankend abgelehnt.
  4. Der Rollenwechsel von der Lehrkraft in die Schulleitung fällt nicht leicht. War man bislang in ein Kollegium integriert, mit dem man Freud und Leid teilte, wechselt man nun die Front und gehört zu den Vorgesetzten der Gruppe, die einem bislang zur Seite stand. Das belastet bestehende Freundschaften erheblich, wenn man eine Funktionsstelle an der eigenen Schule übernimmt. Kein Wunder, ändert sich doch die Sichtweise auf Problemfelder erheblich.
  5. Die Rolle des Schulleiters bringt ein Mehr an Verantwortung aber nur wenig mehr Kompetenzen. Das hessische Schulrecht geht im Prinzip davon aus, dass die Schulleiterin bzw. der Schulleiter die Rolle eines Primus inter pares ausübt. Er hat kaum mehr Rechte als die Lehrerinnen und Lehrer an seiner Schule, dafür aber ein Mehr an Verantwortung und Aufgaben. In Konfliktsituationen wird dies sehr deutlich, wenn das Kollegium einer Schulleiterin bzw. einem Schulleiter das Leben schwer macht. Alles wesentlichen Entscheidungen der Schule muss von der Gesamtkonferenz bzw. der Schulkonferenz getroffen werden, in der die Schulleiterin/der Schulleiter nur eine Stimme unter vielen hat.

Dies sind nur einige Argumente, warum sich Lehrerinnen und Lehrer nicht darum reißen, Schulleiter/in, Konrektor/in usw. zu werden. Für die Bereitschaft zur Bewerbung auf eine Funktionsstelle spricht der Wunsch, Schule mitzugestalten und die Einsicht, dass man es besser machen möchte als diejenigen, über die man bislang gemeckert hat.

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Über Peter Steil

Peter Steil, Fernwald.
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