Jean Bresch / Johann Bresch : Die weiße Dame von Schwarzenburg

Johann_BreschNachfolgend eine Romanze von Jean Bresch / Johann Bresch (1816 – 1900), einem ehemals bekannten Dichter aus dem schönen Münster im Elsass. Diese Romanze gefällt mir ausgesprochen gut. Vielleicht werde ich sie gelegentlich mal in meinem Unterricht einsetzen. Sie gibt – insbesondere in Verbindung mit der Geschichte des Elsasses – eine Menge Material.

Ich gebe den Text so wieder, wie er in Breschs Buch “Vogesenklänge” abgedruckt wurde. Gemessen an unserer heutigen Rechtschreibung und Grammatik könnte man Text heute so nicht mehr schreiben, aber mir ist die Authentizität in diesem Fall wichtiger.

Die weiße Dame von Schwarzenburg

(Romanze)

Ich bin einmal, im Abendroth,
Durch`s Münsterthal gegangen;
Nicht weit vom Schloßwald blieb ich steh`n,
Wo noch die Vöglein sangen.

Schwül war der Tag, der Abend schwül,
Noch heiß, der Staub der Straße;
Da dacht` ein wenig ich zu ruh`n,
Und lagerte im Grase.

Ich war noch nicht so lange gar,
Im kühlen Gras gelegen,
So kam mir schon mit süßem Spiel,
Ein Traumgebild entgegen:

Ich sah vor mir, auf Bergeshöh`,
Die Schwarzenburg, hoch ragen,
Den alt` zerfall`nen Pfaffenthurm,
Mit seinen dunkeln Sagen.

Mein Auge schaute, unbewegt,
Und wehmuthsvoll, die Trümmer;
Was sah` ich dort?…den Geistermönch,
Im Abendsonnenschimmer!

Bald sah ich auch das Mägdelein dort,
Dem er den Kuß geraubet,
Der ihn, als Geistereule, einst
Erlöset, wie man glaubet.

Das Mägdlein sollte lieben nie,
Sonst mußt`s zu Grabe wallen;
Doch lieben muß ein Mägdelein ja,
Und wär`s dem Tod verfallen!

Das Mägdlein liebte, und als Braut,
Mußt` es im Tod erbleichen,
Im Brautgewande, muß, als Geist,
Es noch die Burg umschleichen.

Mir war, als säh` ich in der Fern,
Vom Berg her, sich bewegen,
Ein Mädchen, wie der Tag so schön;
Kam weinend mir entgegen.

Ich grüßte sie, sie grüßte mich,
Und trocknete die Augen;
Von ihren Lippen, weich und zart,
Hört ich die Worte hauchen:

„Die weiße Dame von dem Schloß,
Die du noch nie gesehen,
Bin ich – ich muß schon lange, lang,
Als Braut im Schlosse gehen!

Der Liebste hat betrogen mich,
Hat mich gar sehr betrübet;
Der Liebste schwur mir Liebestreu,
Und hat untreu geliebet!“

„Schlag dir den Falschen aus dem Sinn
O Holde, laß` dein Trauern;
Ich liebe dich!…Will mit dir zieh`n
In deines Schlosses Mauern!“

Ich liebe dich! dies Zauberwort,
Bracht Lind`rung ihren Schmerzen;
Ich sprach es kaum, so lag sie mir,
Voll Liebesgluth am Herzen!

Wir hielten uns, von Lieb` entzückt,
Weiß nicht wie lang, umfangen;
Sind dann ein hochbeglücktes Paar,
In`s Schloß hinaufgegangen!

Schön stand das Schloß, im Morgenroth
Erglänzten seine Zinnen;
Geöffnet stand das weite Thor,
Viel Diener harrten drinnen.

Sie grüßten uns, in langen Reih`n,
Sie, die Dame, mich, Gebieter;
Wie sahen wir so huldvoll doch,
Auf unsre Diener nieder!

Wir zogen Herr und Herrin ein,
In uns`res Schlosses Hallen;
Sie schauten uns, froh Arm an Arm,
Zum Rittersaale wallen!

Dort war gedeckt zum Hochzeitsmahl;
– Ein Priester gab den Segen –
Es waren bei dem hohen Fest,
Der Gäste viel, zugegen.

Sie setzten sich zu Tisch, mit uns,
Wir tafelten mit ihnen;
Die Dienerschaar flog ein und aus,
Uns prächtig zu bedienen.

Ein Engel war sie anzuschau`n,
Die Braut, an meiner Seite;
Es leuchtete aus ihrem Blick,
Die reinste Liebesfreude.

Mein Auge in ihr Aug` getaucht,
Sah ich den Himmel offen;
Sah meiner Sehnsucht Ideal,
Von Lieben und von Hoffen!

Sie mahnte leis – wir stunden auf,
Und grüßten rings die Gäste;
Sie gab mir ihren Lilienarm,
Und zog mich fort vom Feste;

Wir gingen aus der Burg allein,
Im kühlen Waldesschatten,
Lustwandelnd hin, wir setzten uns
An blumenreichen Matten;

Wir sprachen viel vom Minneglück,
Von künft`gen Rosentagen;
Sie hatte mir, ich hatte ihr,
So schönes viel zu sagen!

So kamen wir, ich weiß nicht wie,
Zu jener Stelle nieder,
Wo ich sie einst zuerst geseh`n,
Am Fuß des Berges, nieder.

„Hier fand ich dich, o Liebster mein!
O Heil der schönen Stunde!…“
Sie sprach es kaum, so glühte schon,
Ein Kuß auf ihrem Munde!

Es war ein Kuß, ein langer Kuß,
Der uns glückselig machte –
O süßer Wahn!…ich lag im Gras,
Als ich vom Traum erwachte!

Fort war die Lust, die süße Braut,
Das Schloß, die Hochzeitsgäste!…
Vor meinen Blicken sah ich nur,
Die graue Trümmerfeste!

Vom alten Pfaffenthurm, herab,
Hört ich ein Vöglein singen:
Ade! die Dame ist erlöst,
Ein Kuß mußt` Lösung bringen!

Ich sah mich um – am Honeck war
Die Sonne schon erblichen;
Da ging ich fort, das Herz voll Leid,
Und bin nach Haus` geschlichen!

Peter Steil

Über Peter Steil

Peter Steil, Fernwald.
Dieser Beitrag wurde unter deutsche Sprache, Kultur, Lektüre, Munster abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.