50 Jahre deutsch-französische Freundschaft – 50 Jahre Élysée-Vertrag

(Lars Eirich  / pixelio.de)

(Lars Eirich / pixelio.de)

Heute jährt sich zum 50. Mal der Tag der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags. Deutschland hat sehr viel Verträge mit anderen Ländern unterzeichnet, viele davon sind sehr wichtig. Trotzdem erscheint mir dieser Vertrag einer der wichtigsten Verträge zu sein, der jemals in der deutschen Geschichte abgeschlossen wurde.

Nach Jahrhunderten grausamster Auseinandersetzungen zwischen beiden Ländern, davon zwei Weltkriegen, in denen Millionen Menschen starben, in denen sich beide Länder gegenseitig schlimmste Dinge antaten, haben es beide Länder geschafft, aus Feinden Freunde werden zu lassen.

Wer erinnert sich heute noch an die Zeiten, als man in Deutschland von dem Erbfeind Frankreich sprach? Wer weiß noch, dass 1914 Züge voller Soldaten von Deutschland an die Westgrenzen fuhren, auf denen groß geschrieben stand: “Jeder Stoß ein Franzos” (gemeint waren tödliche Hiebe mit dem Bajonett in den Bauch französischer Soldaten)?

Normalität und gute Nachbarschaft, oft sogar Freundschaft prägen heute das Verhältnis beider Länder. Und das ist gut so. Meine beider Großväter kämpften im letzten Weltkrieg gegen Frankreich. Gott sei Dank kamen beide gesund heim. Mein Großvater väterlicher Seite erlebte noch als Soldat den Ersten Weltkrieg und sollte am Schluss des Krieges noch gegen Frankreich verheizt werden. Zwei seiner Brüder überlebten als Soldaten den Ersten Weltkrieg nicht. Einer davon, Johann Steil, fiel gleich zu Beginn des Feldzuges gegen Frankreich.

Heute nehmen wir es als völlig normal hin, dass es zwischen beiden Ländern keine Grenzkontrollen mehr gibt. Man sieht die Grenze gar nicht mehr. Im Grenzgebiet sind Bürger beider Länder in das jeweilig andere Land gezogen, weil sie dort schöner, preiswerter oder arbeitsplatznäher wohnen. In der Grenzregion arbeiten Franzosen in deutschen Betrieben, ebenso wie Deutsche in französischen Betrieben arbeiten. Sehr beliebt ist bei Deutschen, in Frankreich einzukaufen. Wie wunderbar ist es für uns Deutsche, am Sonntagmorgen mal eben über die Grenze zu fahren, um frische Croissants und Baguettes einzukaufen. Umgekehrt nutzen Franzosen auch gerne die Möglichkeit, in Deutschland günstig einzukaufen. Fast jeden Urlaub verbringe ich in Frankreich. Auf der anderen Seite fahren Franzosen auch nach Deutschland, um sich dort zu erholen oder mehr über unser Land, unsere Sprache und Kultur zu erfahren. Nicht zu vergessen die Vielzahl an Ehen, die zwischen Bürgerinnen und Bürgern beider Länder geschlossen wurden und werden.

Ich verbringe jedes Jahr mehrere Wochen in Frankreich. Ich liebe dieses Land und seine Bewohner. Ich liebe ihre Eigenarten. Ich habe bisher nur gute Erfahrungen mit diesem Land und seinen Menschen gemacht. Von einem Schatten der Vergangenheit oder Ressentiments gegenüber Deutschen habe ich noch nie etwas erfahren. Ganz im Gegenteil! Hilfsbereitschaft und Nachsicht, wenn ich beispielsweise etwas falsch gemacht habe, wurden und werden mir zuteil. Hierzu zwei Begebenheiten aus dem Jahr 2012:

An Ostern war ich in der Normandie. Mein Sohn Daniel brach sich einen Zahn ab. Auf der Suche nach einem Zahnarzt parkten wir unsere Autos ordnungswidrig an der Einfahrt einer Fußgängerzone in Caen. Als wir nach einige Zeit zu unseren Autos zurück kamen, stand ein Polizeiwagen mit zwei Polizisten an unseren Autos. Der ganze Verkehr wurde blockiert. Ich erwartete nun, dass ich ein saftiges Bußgeld bekomme und wunderte mich, dass wir noch nicht abgeschleppt worden waren. Doch die Polizisten hörten sich ruhig unsere Geschichte wegen der Arztsuche an, gaben uns Tipps, wie wir bei der Suche weiter vorgehen sollten und wiesen uns auf einen nahe gelegenen Parkplatz für Touristen hin. Es fiel kein böses Wort und wir bekamen keinen Strafzettel. Auch von den wartenden Autofahrern gab es kein Gehupe und keine bösen Worte.

Im Herbst hielt ich bei einer Reise in die Vogesen bei einer Kuhherde an, um meinen Kindern ein Kälbchen zu zeigen, welches genüsslich aber sehr stürmisch an dem Euter seiner Mutter trank. Wir stiegen aus. Nach nicht einmal einer Minute hielt eine junge Französin hinter uns mit ihrem Auto an und fragte mich auf Englisch, ob ich ein Problem mit dem Auto habe. Sie hatte wohl vermutet, ich sei liegen geblieben. Wäre mir Gleiches in Deutschland passiert?

Der heutige Tag, wie an jeder andere 22. Januar eines Jahres ist eine gute Gelegenheit daran zu denken, dass dies alles nicht selbstverständlich ist, sondern das Ergebnis eines Prozesses, der beispielhaft in der Welt und Weltgeschichte ist. Voraussetzung für diesen Prozess war das Vergeben – auf beiden Seiten!

 

Peter Steil

Über Peter Steil

Peter Steil, Fernwald.
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